• Mein Baby
    > Frühgeburt

Frühgeborene Kinder
Fortschritte in der Neugeborenenmedizin und die bessere Vorsorge in der Schwangerschaft ermöglichen auch kleinen Frühgeborenen das Überleben.

Eine Schwangerschaft dauert üblicherweise 40 Wochen (280 Tage nach der letzten Regelblutung), von einer Frühgeburt spricht man bei der Geburt eines Kindes vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche, als absolute Untergrenze für das Überleben des Kindes gilt heute die Vollendung der 23. Schwangerschaftswoche. Die Frühgeburtenhäufigkeit liegt etwa bei 5–8% aller Geburten, wobei sich die Anzahl der frühgeborenen Kinder in den letzten Jahren erhöht hat. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Mehr ältere Erstgebärende, Fortschritte in der Neugeborenenmedizin und die bessere Vorsorge in der Schwangerschaft ermöglichen auch kleinen Frühgeborenen das Überleben, Mehrlings- schwangerschaften nehmen durch den Einsatz der künstlichen Befruchtung zu.
Je unreifer ein Kind geboren wird, desto niedriger ist seine Wahrscheinlichkeit, zu überleben, und desto höher sein Risiko, unter Umständen einen bleibenden Schaden davonzutragen.

Ursachen
Risikofaktoren
Vorzeichen einer drohenden Frühgeburt
Vorbeugung
Therapie des frühgeborenen Kindes
„Sanfte Neonatologie“
Ernährung
Prognose
Nach dem Klinikaufenthalt
Impfungen

(c) Dr. Peter Voitl, www.Kinderarzt.at
Ursachen
Als Ursache kommen sowohl Erkrankungen der Mutter und/ oder des Kindes, Veränderungen der Gebärmutter oder der Plazenta, Infektionen und auch andere äußere Einflüsse wie schwere körperliche Arbeit, starkes Rauchen und vermehrter Alkoholkonsum, eventuell bestimmte Parodontose-Bakterien oder ungewohnte klimatische Verhältnisse – z. B. bei Reisen oder Umzügen – in Frage.

Im Einzelfall ist die zugrunde liegende Ursache oft nicht zu klären, dennoch sollte immer nach den auslösenden Faktoren gesucht werden, da das Risiko nach einer Frühgeburt bei einer späteren Schwangerschaft eine weitere Frühgeburt zu erleiden um bis zu 25% erhöht sein kann.

Risikofaktoren
Es wird zwischen mütterlichen und kindlichen Risikofaktoren unterschieden. Verschiedenen Studien haben folgende Risikofaktoren der Frühgeburtlichkeit gezeigt.

Mütterliche Risikofaktoren
  • Lebensalter der Mutter unter 18 Jahren und älter als 30 Jahre
  • Erstgebärende
  • Bereits eine Frühgeburt vor der jetzigen Schwangerschaft
  • Körperliche Belastung
  • Schlechter Ernährungszustand oder niedriges Körpergewicht der Mutter (unter 55 kg)
  • Bestehende Erkrankungen bei der Mutter: Diabetes, Bluthochdruck, Nierenerkrankungen, Schilddrüsenfunktionsstörungen
  • Gestosen, also verschiedene Krankheitsbilder, die durch die Schwangerschaft hervorgerufen werden können, z.B. Bluthochdruck
  • Präeklampsie (schwangerschaftsbedingter Bluthochdruck)
  • Starker Nikotinkonsum oder Alokoholkonsum
  • Akute Infektionserkrankung
  • Gebärmutteranomalien: z.B. Scheidewand in der Gebärmutterhöhle
  • Gebärmuttermyome
  • Blutungen in der Schwangerschaft
  • Frühere Operationen am Gebärmutterhals
  • Vorausgegangene Schwangerschaftsabbrüche
  • Unzureichender Verschluss des Gebärmutterhalses
  • Vorzeitige Wehentätigkeit
Kindliche Risikofaktoren
  • Mehrlingsschwangerschaft (höhergradige Mehrlinge wie Drillinge oder Vierlinge werden immer zu früh geboren, da die Mütter in diesen Fällen die Schwangerschaft nicht bis zu Ende austragen können)
  • Zuviel Fruchtwasser (Polyhydramnion)
  • vorzeitige Lösung oder eine Funktionseinschränkung des Mutterkuchens
  • Veränderte Lage des Mutterkuchen (Plazenta praevia)
  • Vorzeitiger Blasensprung
  • Fehlbildungen
Vorzeichen einer drohenden Frühgeburt

Charakteristisch ist das vorzeitige Einsetzen der Wehentätigkeit: viele Frauen berichten in diesem Zusammenhang über ein Ziehen im Kreuz. Meist kommt es zusätzlich zu einem vorzeitigen Blasensprung. Der Muttermund kann bei der gynäkologischen Untersuchung bereits eröffnet sein. Oft ergeben sich aus dem Gespräch mit der Schwangeren und der Untersuchung auch Hinweise auf eine mögliche Ursache.

Vorbeugung

Wichtig ist vor allem, Gefährdungen so früh wie möglich im Schwangerschafts- verlauf zu erkennen. Im besonderen soll auf die Wichtigkeit der Durchführung der Vorsorgeuntersuchungen des Mutterkindpasses hingewiesen werden!

Jede Frau mit einer drohenden Frühgeburt sollte eine Klinik aufsuchen. Der Geburtshelfer muß sich durch die Untersuchung von Mutter und Kind vom Zustand beider Patienten überzeugen.

Wenn es dem Kind trotz drohender Frühgeburt gut geht, sollte versucht werden, die Schwangerschaft zu erhalten.

Zu empfehlen ist Bettruhe, vorzugsweise in Seitenlage oder mit erhöhtem Becken auf einer „schiefen Ebene“, um den Druck auf ein Nervengeflecht im Becken zu reduzieren und die Wehen zu unterbrechen. Die Wehentätigkeit kann auch medikamentös (mit ß-Adrenergica und Prostaglandin-Hemmern) gehemmt werden. Gleichzeitig sollte Magnesium gegeben werden. In vielen Fällen empfiehlt sich die Gabe von Kortison zur Beschleunigung der Lungenreife beim Kind. Liegt eine Schwäche des Gebärmutterhalses (eine Zervixinsuffizienz) vor, kann mit einer Cerclage der Muttermund mechanisch verschlossen werden. Um die Frühgeburt zu verhindern sollten eventuell vorbestehende mütterliche Erkrankungen therapiert und eventuelle Infektionen am Muttermund mit Antibiotika behandelt werden. Dabei zählt jeder Tag, der noch im Mutterleib gewonnen werden kann! Ob ein Baby in der 25. oder in der 28. Schwangerschaftswoche geboren wird, macht einen gewaltigen Unterschied aus.

Bei drohender Gefahr für das ungeborene Kind muß die Schwangerschaft rasch beendet werden.

Therapie des frühgeborenen Kindes

Mit den Fortschritten der Medizin ist es immer besser möglich, frühgeborenen Kindern zu helfen. Die Geburt eines Frühgeborenen sollte nach Möglichkeit in einem „Perinatalzentrum“ erfolgen, wo eine optimale Betreuung für das Frühgeborene durchführbar ist und ein für das Kind belastender Transport entfällt. Günstig ist die Anwesenheit eines Kinderarztes bei der Geburt.

Die Unterbringung des Kindes erfolgt meist in einem Inkubator (Brutkasten), um optimale Umweltbedingungen zu ermöglichen. Störungen der Anpassung des Kindes an das Leben außerhalb des Mutterleibes, z. B. Atmung, Wärmeregulation oder Herzkreislauffunktion, müssen an entsprechend dafür ausgerüsteten Frühgeborenenabteilungen (Neonatologien) behandelt werden.

Bis etwa zur 35 Schwangerschaftswoche haben Frühgeborene eine noch nicht vollständig ausgereifte Lunge, eine die Lungenbläschen stabilisierende Substanz, „Surfactant“, wird noch nicht ausreichend gebildet und kann zur Unterstützung zugeführt werden. Besonders Kinder unter 1.000 g müssen häufig auch beatmet werden. Nur noch selten kommt es heute durch die Beatmung zur Ausbildung einer chronischen Lungenproblematik. Oft benötigt der Kreislauf medikamentöse Unterstützung. Eine Gefährdung besteht vor allem durch Gehirnblutungen, Lungenfunktionsstörungen, einem erhöhtem Infektionsrisiko, weil die Körperabwehr noch nicht voll ausgebildet ist und durch Temperaturregulations- störungen. Weitere Probleme kann eine entzündliche schwere Darmerkrankung (Nekrotisierende Enterocolitis) bereiten.

„Sanfte Neonatologie“

Ein Frühgeborenes kann von Geburt an fühlen, riechen, sehen, schmecken und tasten. Daher sollen alle Pflegemaßnahmen möglichst schonend durchgeführt werden. Es soll auf eine ausreichende Schmerztherapie geachtet und eine Reizüberflutung der Frühgeborenen durch Reduktion der Geräusche und des Lichtes vermieden werden. Die Eltern sollten frühmöglichst in die Betreuung einbezogen werden und auch selbst in immer mehr Abläufe eingebunden werden. Eine enge Kontaktaufnahme erlaubt die „Kängurumethode“, bei der die Kinder aus dem Inkubator genommen und den Eltern für einige Zeit auf die Brust gelegt werden.

Ernährung

Bei sehr unreifen Säuglingen (besonders bei Geburtsgewicht unter 1.000 g) ist in der ersten Zeit oft nur eine künstliche Ernährung mit nährstoffreichen Infusionen möglich; Kinder, die noch nicht selbst saugen können (meist vor der 32. Schwangerschaftswoche) werden mithilfe von Magensonden ernährt. Die eigentliche Ernährung beginnt in der Regel mit einer sterilen Glukoselösung. Wenn diese vertragen wird, bekommen die Kinder entweder Muttermilch oder eine spezielle Frühgeborenenmilch. Da der Magen Frühgeborener nur ein geringes Fassungsvermögen hat, wird die Nahrung oft auf acht oder mehr Mahlzeiten aufgeteilt.

In der ersten Zeit ist das Abpumpen der Muttermilch wenn möglich sehr wichtig, um die Milchproduktion in Gang zu halten. Die Muttermilch von Frühgeborenen ist den besonderen Bedürfnissen angepasst und unterscheidet sich z.B. im Eiweißgehalt von der Muttermilch für reifgeborene Babys. Zusätzlich kann die Muttermilch für besondere Situationen mit Nähstoffen angereichert werden.

Prognose

Durch die Fortschritte in der Schwangerenbetreuung, der Geburtshilfe und der Neugeborenenintensivmedizin haben sich in den letzten Jahren die Überlebens- chancen besonders von kleinen Frühgeborenen deutlich verbessert. Die Prognose der Kinder hängt von der Schwangerschaftsdauer, dem Geburts- verlauf und eventuellen zusätzlichen Fehlbildungen ab; insgesamt ist aber jede Frühgeburt mit einem höheren Risiko für das Kind verbunden.

Frühgeburten nach 24 Schwangerschaftswochen und später erreichen eine Überlebenschance von 80–90 %; nach der 28.  Woche über 95 %. Aufgeschlüsselt nach dem Geburtsgewicht überleben 75–80% der Frühgeborenen von 500-749 g, 85-90 % der Frühgeborenen von 750–999 g und über 95 % der Frühgeborenen von 1.000–1.500 g. Bei Frühgeborenen mit schweren angeborenen Gesundheitsstörungen muss auf die Art der Fehlbildung bei der Prognose Bedacht genommen werden.

Das Risiko für eventuelle spätere Behinderungen ist für das einzelne Frühgeborene sehr schwer vorherzusagen, jedes Frühgeborene hat seine eigene Geschichte. Besonders gefährdet sind frühgeborene Babys, bei denen im Verlauf weitere Komplikationen wie eine Hirnblutung, schwere Infektionen oder eine chronische Lungenerkrankung auftreten.

Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht von 1.000–1.500 g oder von der 28.–30. Schwangerschaftswoche zeigen in 10–25 %, sehr kleine Frühgeborene unter 1.000 g Geburtsgewicht oder vor der 28. Schwangerschaftswoche in 20–30% der Fälle behandlungsbedürftige Entwicklungsstörungen wie beispielsweise Bewegungsstörungen, Koordinationsstörungen, Krampfanfälle, Blindheit, Taubheit sowie Störungen der geistigen Entwicklung. Etwa ein Drittel der kleinen Frühgeborenen zeigt Verhaltensauffälligkeiten wie eine leichtere Irritierbarkeit, Aufmerksamkeitsstörungen und Probleme im Sozialverhalten.

Bei Frühgeborenen sind bestimmte Hirnregionen noch Jahre nach der Geburt verkleinert, ein Effekt, der bei Buben stärker als bei Mädchen ausgeprägt ist; beschreiben werden die Bereiche, in denen zu früh Geborene häufig Defizite aufweisen. (Journal of Pediatrics Bd. 145, S. 242). Frühgeborene Kinder mit einem sehr niedrigen Geburtsgewicht bieten aber im Alter von acht Jahren ebenso gute geistige Leistungen wie der Durchschnitt. Zu diesem Ergebnis kommen amerikanische Forscher in der Fachzeitschrift JAMA (Bd. 289, S. 705).

Nach dem Klinikaufenthalt

Die meisten Frühgeborenen können nach Hause entlassen werden, wenn sie ein Gewicht von etwa 2.000 g erreicht haben, das ist meist um den ursprünglich errechneten Geburtstermin der Fall. Bei den möglichen Problemen in der ersten Phase nach der Entlassung wie Fütterungsschwierigkeiten, Schlafproblemen oder einfach Unruhe; auch bei einer eventuell notwendigen Überwachung durch einen Heimmonitor benötigen die Eltern professionelle Unterstützung. Hauptansprechpartner sollte sicherlich ein Kinderarzt sein, der über entsprechende Erfahrung mit Frühgeborenen verfügt. Alle Frühgeborenen sollten entwicklungsneurologisch nachuntersucht werden und entsprechend durch Ergotherapie oder Frühförderung unterstützt werden.

Impfungen

Von der STIKO wird die Impfung eines Neugeborenen nach dem 60. Lebenstag empfohlen; diese Empfehlung gilt auch für Frühgeborene. Ein Kind, das z. B. im 7. Schwangerschaftsmonat zur Welt gekommen ist, sollte seine erste Impfung also etwa 2 Monate danach, dem Zeitpunkt seiner eigentlichen Geburt erhalten. Empfohlen wird die Durchführung der Impfungen des aktuell gültigen Impfplanes; der gerade für Frühgeborene mit möglicherweise herabgesetzter Immunabwehr von Bedeutung ist.

Besonders hevorzuheben ist die Impfung gegen Pneumokokken  (Prevenar ®), da gerade Frühgeborene hier einer besonderen Gefahr ausgesetzt sind. Ebenso die Vorbeugung gegen RSV-Infektionen. Bei dieser handelt es sich um eine Virusinfektion, die bei gesunden Säuglingen lediglich eine Bronchitis verursachen kann; bei Frühgeborenen, die vor der 35. Schwangerschaftswoche auf die Welt gekommen, bei immungeschwächten Kindern und solchen mit Herz- und Lungenerkrankungen aber die Atemwege so stark in Mitleidenschaft ziehen kann, dass ein stationärer Aufenthalt bis hin zu intensivmedizinischer Betreuung notwendig sein kann. In den Monaten zwischen September und April ist das RS-Virus besonders aktiv, die Übertragung findet vor allem durch direkten Kontakt statt. „Palivizumab“ (Synagis®) ist ein Medikament, das hier vorbeugend wirken kann. „Palivizumab“ wird während der RSV-Saison einmal monatlich intramuskulär injiziert. Die vorbeugende Gabe von „Palivizumab“ kann die Zahl RSV-bedingter Klinikaufenthalte deutlich senken.

Zum Seitenanfang
Eckhard Rudolph
Kinderarzt Jugendmedizin
Reisemedizin
Talstr.: 28 a
66424 HOMBURG

Telefon: 06841-790 01
Fax.: 06841-790 08
Mobil: 0172-740 05 60